Begrünte Städte müssen eine Selbstverständlichkeit werden. Diese Forderung zog sich wie ein roter Faden durch den Weltkongress Gebäudegrün, der vom 9.bis 11. Juni 2026 in Berlin stattfand. Die über 700 Teilnehmenden aus 32 Ländern waren sich einig: Pflanzen auf Dächern, an Fassaden und in Innenräumen zählen zu den effektivsten Klimaanpassungsmaßnahmen und müssen noch viel stärker in den Fokus von Planung, Kommunen und Politik rücken. Der Bundesverband GebäudeGrün e.V. (BuGG) setzte mit seiner internationalen Veranstaltung dafür ein starkes Zeichen.
Ute Bonde, Berliner Senatorin für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt und Schirmherrin des Kongresses, sprach sich für die Bauwerksbegrünung aus: „Gebäudebegrünung ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.“ Dass sich so viele Fachleute, Wissenschaftler, Planer und Umweltinteressierte in Berlin treffen, sei ein starkes Signal für die Welt, so Bonde. Überall wachse der Druck auf die ohnehin knappen Flächen. Ungenutzte Dach- und Fassadenflächen seien eine wichtige Alternative mit vielfältigen Vorteilen.
Zusammenspiel von Pflanze und Ort
90 Referierende aus 24 Ländern gaben einen umfassenden Einblick in Forschung und praktische Umsetzung. U.a. zeigte der französische Botaniker Dr. Patrick Blanc auf, wie wichtig die richtige Pflanzenauswahl bei der Begrünung von Bauwerken ist – sprich das Zusammenspiel von Pflanze und Ort. In der Anwendung müsse die Natur im künstlichen Raum nachgeahmt und für künstliche Wasserspeicher gesorgt werden.
Der Architekt Prof. Werner Sobek appellierte in seinem Impulsvortrag an seine Zunft: „Die Beschäftigung mit Zukunftsfragen weltweit ist das Wichtigste für die Architektur. Wir brauchen mehr Bäume, und eine Begrünung von Gebäuden ist unglaublich wichtig. Wir müssen so viel begrünen, wie wir können.“ Für eine klimaangepasste Transformation der Städte seien zudem präzise Information und Wissenstransfer die Grundlagen.
Vernetzte Grünstrukturen
Auch jenseits des Kongresses machen sich Akteure Gedanken um das Thema. „Städte lassen sich nur passiv wirksam kühlen“, sagt Gregor Grassl, Associate Partner und Leiter für grüne Stadtentwicklung beim Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE. „Wir brauchen ausreichend Verschattung, Begrünung und die richtigen Materialien. Klimaanlagen wirken dagegen kontraproduktiv: Sie leiten Abwärme nach draußen und verstärken den Heat-Island-Effekt.“ Bäume, begrünte Dächer und Fassaden, Parks und Wasserflächen wirkten zusammen als blau-grüne Infrastruktur: Sie beschatteten Flächen, verdunsteten Wasser, senkten die Lufttemperatur und verbesserten die Luftqualität, plädiert Grassl für eine umfassende Begrünung als wichtige Maßnahme.
Aber woher nehmen und nicht stehlen? Bäume sprießen nicht von selbst aus dem Boden, schon gar nicht aus versiegelten Flächen. Unkonventionelle Ideen sind gefragt: Das Stuttgarter Startup-Konzept Ecotrii lässt beispielsweise Kletterpflanzen über Netzsegel bis zu 18 m2 Schatten spenden, das Ganze solarbetrieben und per App steuerbar. Die Betonfüße aus dem 3D-Drucker dienen als Sitzgelegenheit. „Das ersetzt zwar keine Bäume, aber löst ein reales Problem dort, wo Bäume nicht wachsen können”, gibt der Experte seine Einschätzung zu der Idee ab.
Passive Kühlung durch Speichermasse

In Gebäuden sei es besser auf Low-Tech-Systeme zu setzen, also viel Speichermasse im Gebäude einzubauen, um es nachts durch die Außenluft zu kühlen. Als Alternativen für natürliche Kühlung ließen sich Fußbodenheizungen als Kühlböden nutzen. Weitere Möglichkeiten bestünden darin, den Wasserkreislauf nachts abzukühlen und die Wärme aus den Innenräumen nach außen abzuführen oder Decken als Kühlfläche zu nutzen. Hochhäuser punkten seiner Ansicht nach durch ihre Bauweise: Sie beschatten sich gegenseitig, schützen Wohnungen und Büros vor dem Aufheizen, erzeugen Verwirbelungen und Aufwinde. Das trage zu einer besseren Durchlüftung der Quartiere bei. „Gezielt eingesetzt dienen sie der Abkühlung und sind mit natürlichen Landschaftselementen wie einem Fluss vergleichbar, der neben der Kühlung durch das Wasser auch immer als Frischluftschneise und durch seine Bewegung als Durchlüftungszone fungiert.”
Hitzevorsorge: Von der Kür zur Pflicht
Mit dem 2024 in Kraft getretenen Klimaanpassungsgesetz ist Hitzevorsorge erstmals bundesrechtlich verankert. Bund, Länder und Kommunen stehen damit in der Verantwortung zu handeln. Eine aktuelle Untersuchung des Umweltbundesamts zeigt, dass 41 Prozent der Kommunen bereits Maßnahmen umgesetzt haben. Fast ebenso viele planen konkrete Schritte. Gleichzeitig verfügen nur 12 Prozent über ein formales Klimaanpassungskonzept. Die Diskrepanz zwischen einzelnen Maßnahmen und strategischer Planung bleibt damit groß und wächst mit jeder weiteren Hitzewelle. „Hitze ist kein Wetterereignis mehr, das man aussitzt. Sie ist für Städte und Kommunen eine zwingend notwendige Planungsaufgabe”, fasst Grassl zusammen.
Der Abschlussbericht „Fortschritte in der kommunalen Klimawandelanpassung fördern, erfassen und bewerten“ zum Forschungsvorhaben „Kommunalbefragung: Wo stehen die Kommunen bei der Anpassung an den Klimawandel und wie kommen sie zu multifunktionalen und transformativen Anpassungslösungen“ steht hier zum Download bereit.
