Von der Passion zur Vision, von der Vision zur Konstruktion: Die Werkhalle und das Bürogebäude der Lehm Ton Erde Baukunst GmbH in Schlins, Vorarlberg, machen das architektonische Potential des Baustoffs Lehm greifbar.
Seit vier Jahrzehnten entwickelt das Team um Martin Rauch, Gründer von Lehm Ton Erde Baukunst, innovative Lösungen, um den Lehmbau in die Zukunft zu führen. „Das konsequente Arbeiten mit unstabilisiertem Lehm ermöglicht eine sinnliche und zugleich vernünftige Architektur, die die Gesundheit von Mensch und Erde ins Zentrum stellt“, heißt es unprätentiös auf der Website seines Unternehmens. Bei einer Reihe von Projekten kam Lehm als Baustoff zum Einsatz – partiell, aber auch umgesetzt als komplettes Gebäude. 2008 hatte der Lehmbau-Pionier sein eigenes Wohnhaus, das Haus Rauch, aus diesem ursprünglichen Material erbaut – ein Pilotprojekt, das bereits zeigte, was machbar ist. Aus dieser Erfahrung konnte Größeres wachsen, wie beispielsweise 2012 das von Herzog & de Meuron geplante Ricola Kräuterzentrum im schweizerischen Laufen.

Lokales Aushubmaterial als Baustoff
2023 wurde die Werkhalle als Produktionsstätte von Lehm Ton Erde in Schlins fertiggestellt, 2026 konnte das angeschlossene Bürogebäude bezogen werden. Das Ensemble ist ein Paradebeispiel für ressourcenschonende Baukultur im gewerblichen Bereich und bündelt die vielfältigen Aktivitäten des Unternehmens unter einem Dach: Planung, Produktion, Workshops und Forschung. Ressourcenschonende Baukultur, seit jeher das Credo des Unternehmens, wurde bei diesem Projekt in nahezu akribischer Konsequenz umgesetzt. Große Teile des Gebäudes bestehen aus lokalem Aushubmaterial, das direkt vor Ort aufbereitet und wieder in den Bauprozess zurückgeführt wurde. So wird der Baugrund selbst zum Baustoff – regionaler, kreislauffähiger und energieeffizienter geht es kaum.
Im Vorwort der Projektpräsentation zur Bewerbung für den Bauherr:innenpreis 2026 (BHP’26), ausgelobt von der Zentralvereinigung der Architekt:innen Österreichs (ZV), erläutert Rauch: „Mein ganzes Arbeitsleben habe ich mich voller Energie dafür eingesetzt, die Potenziale des Materials Lehm auszuloten, zu vermitteln und das Vertrauen in dieses Material zu stärken, weil ich überzeugt bin, dass Lehm eines der wichtigsten Baumaterialien ist, um die Bauwende zu schaffen. In diesem Gebäude zeigt sich nun, was es kann: mehrgeschossig, mit großer Spannweite, voll bewittert.“ Dabei wurden überwiegend Materialien eingesetzt, die schadstofffrei in natürliche Stoffkreisläufe zurückgeführt werden können – ganz im Sinne der Cradle-to-Cradle-Philosophie. „Die Werkhalle samt Büroneubau in Schlins zeigt, was möglich ist – im Betrieb wie im Gebäude selbst“, sagt der Architekt.

Lehmbau mit Holztragwerk
Das als Industriegebiet gewidmete Grundstück liegt im Dorf an der Schnittstelle zum angrenzenden Wohnquartier; entsprechend sorgfältig erfolgte die Setzung des Baukörpers mit großzügigem Abstand zur Nachbarschaft. Die bis zu 12 m hohen Stampflehmwände übernehmen Funktionen des Schall- und Klimaschutzes und prägen die architektonische Identität des Ensembles. Die Werkhalle ist als Lehm-Holz-Hybridbau – als Lehmbau mit Holztragwerk – konzipiert. Die südliche Fassade besteht aus einer 67 m langen, 60 cm starken und rund 800 m2 großen Stampflehmwand, die sowohl die Hallenkräne als auch die Dachkonstruktion trägt. Das konnte durch versetzte, bis zu 10 m hohe Wandscheiben realisiert werden, durch die zwei Wandebenen entstanden: eine als Aufleger für das Hallendach, die andere für Kranschienen. Holzleimbinder überspannen die 24 m breite Halle und lagern auf der 60 cm starken Stampflehmwand im Süden sowie auf V-förmigen Holzstützen im Norden.
Mehr über das Projekt lesen Sie in der Ausgabe 4, August/September, 2026 von industrieBAU.
