Durch extreme Wetterlagen gerät der Wasserhaushalt spürbar aus dem Gleichgewicht und lässt das Grundwasser sinken. Betroffen sind davon bereits viele deutsche Städte und Kommunen. Auch für die Industrie wird Wassermanagement zunehmend zur entscheidenden Standortfrage.
Weltweit entnehmen Staaten derzeit mehr Wasser aus Böden, Flüssen und Reservoirs, als natürliche Systeme nachliefern können. Die Vereinten Nationen sprechen deswegen von einer drohenden „globalen Wasserüberschuldung“. Deutschland ist Teil dieser Entwicklung. Allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat das Land laut einer aktuellen Studie von Boston Consulting Group und dem Nabu Deutschland 60 Mrd. m3 Wasser mehr verloren, als nachfließt. Ohne konsequentes Handeln bis 2050 werden demnach Schäden in Höhe von bis zu 625 Mrd. Euro entstehen, prognostiziert die Wissenschaft.1
Für Dr. Stephan Wasielewski, Leiter des Bereichs Wasserinfrastruktur beim Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE, ist ein struktureller Wandel zwingend geboten: „Wir müssen das sorglose System aus Entnahme, Verbrauch und Ableitung hinter uns lassen. Zukunftsfähige Regionen werden jene sein, die Wasser mehrfach nutzen und in Kreisläufen halten.“
Der Umwelttechniker erforscht seit mehr als einem Jahrzehnt Abwassertechnik, Wasserwiederverwendung und strategisches Wassermanagement und hat u.a. den Masterplan Wasserversorgung des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg mitbegleitet. Dessen Ziel: die Versorgung von 11,1 Mio. Menschen auf einer Fläche von rund 3,57 Mio. ha dauerhaft zu sichern. Der Plan umfasst eine Wassermengenbilanz bis 2050, die Kartierung nach Kommunen, eine systematische Bewertung der Versorgungssicherheit sowie maßgeschneiderte Handlungsempfehlungen für Städte und Gemeinden. Damit entsteht erstmals ein umfassendes Bild über die künftige Wasserversorgung im Bundesland.
Wenn die Produktion am Wasser hängt
Planungsinstrumente wie dieser Masterplan auf Landesebene sind für die Kommunen und die Sicherstellung ihrer Wasserversorgung elementar – auch deshalb, weil die Ansiedlung und der Bestand von Industrie und damit Arbeitsplätzen in besonderem Maß von verlässlicher Wasserverfügbarkeit abhängen. Chemie-, Pharma- und Lebensmittelunternehmen, Rechenzentren oder die Halbleiterfertigung – sie alle benötigen große Mengen Prozesswasser, vor allem für Kühlung und Reinigung. Das verarbeitende Gewerbe ist für etwa 16 bis 20 Prozent des jährlichen Wasserverbrauchs hierzulande verantwortlich, mehr als die Hälfte davon entfällt auf die Chemieindustrie.2 Zugleich steigen die Anforderungen: Die EU-Kommunalabwasserrichtlinie (EU 2024/3019) verpflichtet große Kläranlagen dazu, bis 2045 eine vierte Reinigungsstufe einzuführen. Mikroschadstoffe wie PFAS, Arzneimittelrückstände oder Mikroplastik sollen künftig zuverlässig entfernt werden.
Abwasser als wertvolle Ressource
Wasielewski sieht darin auch eine Chance, industrielles Wassermanagement grundlegend neu aufzusetzen: „Abwasser und Regenwasser sind Ressourcen – und zwar in Mengen, die wir bisher kaum nutzen.“ Moderne Technologien wie Membranfiltration, biologische Behandlung und digitale Steuerungssysteme ermöglichen es Unternehmen mittlerweile, kommunales Abwasser zu Brauch- oder sogar Reinstwasser aufzubereiten. „Industrielle Wasserkreisläufe schaffen eine Win-Win-Situation. Sie sichern den Betrieb und entlasten die Umwelt“, erklärt er. „Insgesamt müssen wir diese Kreisläufe flächendeckend etablieren. Solange wir Wasser verbrauchen oder ableiten, statt es so lange wie möglich zurückzuhalten und mehrfach zu gebrauchen, wird es uns nicht gelingen, gegen den drohenden Wassermangel anzugehen.“ Ein Gebäude zum Beispiel, das statt schmutzigem Abwasser sauberes Betriebswasser produziert, sei die Richtung, in die man künftig denken müsse.
1 Every Drop Counts – Pathways to Restore Germany’s Water Balance (2026), Boston Consulting Group (BCG) in Kooperation mit NABU. www.nabu.de
